Interview
Alkoholfasten
Wellness für die gestresste Leber
ca. 5 Minuten
*Aus Gründen der Lesbarkeit verwenden wir die männliche Form, meinen jedoch Menschen aller Geschlechter.

Viele Menschen entscheiden sich, während der Fastenzeit auf Alkohol zu verzichten. Eine gute Entscheidung, sagt der Leiter des Leberzentrums und Chefarzt der Gastroenterologie / Hepatologie am St. Josefs-Hospital in Wiesbaden, Prof. Dr. Christoph Sarrazin. Denn der Verzicht auf das Zellgift Alkohol ermöglicht es der Leber und dem gesamten Körper zu regenerieren. Ginge es nach der Leber, wäre das ganze Jahr über Fastenzeit.
"Es ist definitiv nie zu spät aufzuhören."
Warum schädigt der regelmäßige Konsum von Alkohol die Leber?
Prof. Sarrazin: Alkohol gelangt über das Blut in die Leberzellen und wird dort abgebaut. Dabei entsteht die sehr giftige, als krebserregend eingestufte Substanz Acetaldehyd. Sie trägt zur Verfettung der Leber bei. Eine Fettleber kann zu Entzündungen (Hepatitis) und letztlich einer irreversiblen Leberzirrhose führen.
Welche Organe werden neben der Leber besonders durch Alkohol geschädigt?
Prof. Sarrazin: Alle. Schon bei Aufnahme durch Mund, Speiseröhre, Magen und Darm hat der Alkohol Kontakt zu Schleimhäuten, die dadurch geschädigt werden. Durch das Blut gelangt der Alkohol überall hin. Stoffwechsel und Gehirn leiden darunter. Vor allem, wenn das Gehirn nicht ausgereift ist, wie bei Embryonen, aber auch bei Kindern und Jugendlichen. Das führt zu schwerwiegenden Entwicklungsstörungen und bei Erwachsenen zum Absterben von Gehirnzellen. Auch die krebserregende Wirkung ist unstreitig und das nicht nur bei exzessivem Trinken.
Also keine Toleranzgrenze?
Prof. Sarrazin: Keine medizinische Unbedenklichkeit. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) deuten neueste verfügbare Daten darauf hin, dass die Hälfte der dem Alkohol zurechenbaren Krebsfälle in der europäischen Region der WHO durch „leichten“ bis „moderaten“ Alkoholkonsum – weniger als 1,5 Liter Wein oder weniger als 3,5 Liter Bier pro Woche – verursacht werden. Der durchschnittliche Alkoholkonsum ist in Europa mit 9 bis 10 Litern purem Alkohol pro Jahr pro Kopf stabil viel zu hoch. Natürlich macht ein Glas Wein pro Woche einen gesunden Menschen nicht gleich leberkrank. Aber unbedenklich ist ein regelmäßiger Konsum grundsätzlich nicht.
Kann die Leber auch ohne den Einfluss von Alkohol Schaden nehmen?
Prof. Sarrazin: Ja. Es gibt erbliche und autoimmune Lebererkrankungen, Übergewicht und Diabetes können eine Fettlebererkrankung auslösen und auch virusabhängige Leberschäden, etwa durch Hepatitis B oder C, sind nicht selten. Gleichwohl hat ein sehr großer Teil der Patientinnen und Patienten, die wegen Lebererkrankungen behandelt werden, ein Thema mit Alkohol.
Wie merke ich, dass meine Leber ein Problem hat?
Prof. Sarrazin: Oft nur durch einen Zufallsbefund. Etwa aufgrund auffälliger Blutwerte bei einem Routinecheck. Das sollte man dann auf alle Fälle fachärztlich abklären lassen. Aber eine Lebererkrankung tut lange überhaupt nicht weh und wird deshalb oft sehr spät erkannt.
Erholt sich eine geschädigte Leber wieder, wenn man aufhört zu trinken?
Prof. Sarrazin: Ja. Es ist definitiv nie zu spät aufzuhören. Vielmehr ist es dringend geboten, gerade, wenn der Befund einen bereits kritischen Zustand ausweist. Die Leber, aber auch der gesamte Körper, besitzen die Fähigkeit zu regenerieren. Bei einer leichten Schädigung kommt es zur vollständigen Regeneration der Leber; aber auch bei einem fortgeschrittenen Leberschaden verbessert sich die Prognose relevant.
Hat der zeitweilige Verzicht auf Alkohol in der Fastenzeit einen Effekt?
Prof. Sarrazin: Unbedingt. Dadurch hat die Leber die Möglichkeit, sich zu erholen und zu regenerieren. Das ist gut für den gesamten Körper und zeigt, wie leicht oder schwer es einem fällt, ohne Alkohol durch den Abend oder eine gesellige Feier zu kommen.
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Foto: JoHo
Prof. Dr. Christoph Sarrazin ist Facharzt für Innere Medizin und Gastroenterologie. Er ist Chefarzt der Medizinischen Klinik II im St.-Josefs-Hospital in Wiesbaden und leitet dort das Leberzentrum.
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